Im letzten Baustein ging es um die Solcast-Prognose in Home Assistant – also darum, vorausschauend statt nur reaktiv zu steuern. Für reale Leistungsmessung Home Assistant-Setups zeigt sich aber schnell ein zweites Problem: Viele Automationen nutzen als Trigger einfach den Netzbezug, also den Wert des Zählers oder Wechselrichters – dabei sagt dieser Wert oft weniger über die tatsächliche Situation aus, als man zunächst denkt.
In diesem Artikel zeige ich, warum ich bei meinem PV-Lastmanagement inzwischen zusätzlich auf reale Leistungsmessung statt nur auf Netzbezug setze, wie ich das in Home Assistant technisch umgesetzt habe – und welche Fallstricke mir dabei begegnet sind.
Warum reiner Netzbezug für Home Assistant nicht ausreicht
Der Netzbezug – also die Leistung, die gerade tatsächlich aus dem öffentlichen Netz bezogen wird – ist ein naheliegender Automationswert: Ist er negativ (Einspeisung), gibt es Überschuss; ist er positiv, wird zugekauft. Das Problem: Dieser eine Wert vermischt mehrere Informationen. Er sagt nichts darüber, wie viel PV-Leistung gerade tatsächlich erzeugt wird, wie hoch der Grundverbrauch des Hauses gerade ist und ob ein einzelner Verbraucher selbst gerade viel oder wenig zieht.
Ein konkretes Beispiel aus meinem Alltag: Springt die Waschmaschine an, steigt der Netzbezug kurzzeitig, obwohl die PV-Erzeugung unverändert hoch bleibt. Eine Automation, die stur auf den Netzbezug reagiert, würde in diesem Moment fälschlich glauben, der Überschuss sei eingebrochen – und den Heizstab oder die Wärmepumpe abschalten, obwohl eigentlich noch genug Sonne da ist.
Reale Leistungsmessung in Home Assistant einrichten
Der Ausweg: zusätzlich zum Netzbezug die einzelnen Energieflüsse separat messen, statt sich auf einen einzigen Saldo-Wert zu verlassen. Bei mir kommen dafür zwei Messquellen zusammen, die ich in Home Assistant kombiniere:
- Netzbezug und Einspeisung über einen Tibber Pulse, der direkt am Stromzähler mitliest
- PV-Erzeugung sowie Akku-Ladung/-Entladung über den GoodWe-Wechselrichter, der diese Werte bereits kumuliert als eigene Sensoren bereitstellt
Wer keinen Tibber Pulse nutzt, kann je nach Stromzähler alternativ auch einen passenden IR-Lesekopf verwenden und dessen Messwerte in Home Assistant einbinden. Für die weitere Logik ist nicht das konkrete Gerät entscheidend, sondern ein zuverlässig aktualisierter Wert für Netzbezug und Einspeisung.
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Aus diesen beiden Quellen lässt sich der tatsächliche Gesamt-Hausverbrauch als Template-Sensor berechnen – nicht geschätzt, sondern als reine Bilanzrechnung aus bereits vorhandenen kumulierten Werten. Wie man einen Energie-Zähler grundsätzlich in Home Assistant einbindet, beschreibt die offizielle Energy-Dashboard-Dokumentation im Detail.
Netzbezug vs. reale Leistungsmessung: der Unterschied im Detail
Der entscheidende Unterschied liegt in der Zurechenbarkeit. Der Netzbezug ist ein Saldo aus allem, was im Haus gleichzeitig passiert – er kann durch jeden beliebigen Verbraucher beeinflusst werden, nicht nur durch den, den die Automation eigentlich steuern will. Die reale Leistungsmessung dagegen trennt die Quellen: Ich weiß exakt, wie viel die PV-Anlage erzeugt, wie viel ein einzelner Großverbraucher zieht und wie viel „unerklärter Rest“ übrigbleibt.
Nicht der Netzbezug allein entscheidet, ob ein Verbraucher zuschalten darf – sondern die Differenz zwischen PV-Erzeugung und bereits bekanntem Verbrauch.
Konkret sieht die Formel für den Gesamt-Hausverbrauch bei mir so aus – als Template-Sensor „Hausverbrauch heute“:
sensor:
- platform: template
sensors:
hausverbrauch_heute:
friendly_name: "Hausverbrauch heute"
unit_of_measurement: "kWh"
value_template: >
{{ (
states('sensor.tibber_pulse_kumulierter_verbrauch') | float(0)
+ states('sensor.pv_energie_kumuliert_daily') | float(0)
- states('sensor.tibber_pulse_kumulierte_einspeisung') | float(0)
- states('sensor.goodwe_today_battery_charge') | float(0)
+ states('sensor.goodwe_today_battery_discharge') | float(0)
) | round(2) }}Code-Sprache: JavaScript (javascript)
Die Idee dahinter: Netzbezug plus PV-Erzeugung minus Einspeisung minus Akku-Ladung plus Akku-Entladung ergibt exakt den Verbrauch, der im Haus tatsächlich angefallen ist – unabhängig davon, ob der Strom aus dem Netz, direkt von der PV-Anlage oder aus dem Akku kam. Dieser Wert dient mir als Plausibilitätscheck: Wirkt er an einem normalen Tag realistisch, kann ich mich auch auf die einzelnen Teilwerte verlassen, die in die Lastmanagement-Automationen einfließen.
Messfehler und Trägheit bei der realen Leistungsmessung ausgleichen
Auch mit separaten Messpunkten bleibt Rauschen ein Thema – jeder einzelne Sensor liefert für sich genommen kurze Ausreißer. Deshalb läuft bei mir jeder Rohwert zuerst durch einen gleitenden Durchschnitt über 30 Sekunden, bevor er in die Berechnung einfließt. Das kostet ein klein wenig Reaktionsgeschwindigkeit, macht die abgeleiteten Werte aber deutlich ruhiger – und genau diese Ruhe ist die Voraussetzung dafür, dass die Hysterese- und Prioritätslogik aus den vorherigen Bausteinen überhaupt zuverlässig funktioniert.
Praxisbeispiel: reale Leistungsmessung im PV-Lastmanagement
Seit der Umstellung auf den bereinigten Überschusswert bleibt der Heizstab genau in dem Waschmaschinen-Beispiel von oben unbeeindruckt eingeschaltet, weil die Automation erkennt: Die PV-Erzeugung ist unverändert hoch, nur ein bekannter Verbraucher zieht kurzzeitig mehr. Vorher hätte der reine Netzbezug in so einem Moment fälschlich ein Abschalten ausgelöst. Die Anzahl unnötiger Schaltvorgänge ist seitdem spürbar zurückgegangen.
Das Gesamtsystem im Überblick
| Messwert | Quelle | Rolle im Lastmanagement |
|---|---|---|
| PV-Erzeugung | Wechselrichter | Basis für den bereinigten Überschuss |
| Netzbezug/-einspeisung | Stromzähler (SML/IR-Lesekopf) | Kontrollwert, Plausibilitätsprüfung |
| Großverbraucher einzeln | Smart-Plugs / Energiemess-Aktoren | Werden vom Überschuss herausgerechnet |
| Bereinigter Überschuss | Template-Sensor | Eigentlicher Trigger für alle Bausteine |
Für einzelne Verbraucher nutze ich bei mir unter anderem SwitchBot Plug Mini Steckdosen mit Leistungsmessung. Gerade bei Geräten wie Spülmaschine, Kaffeemaschine oder Fernseher ist es praktisch, den Verbrauch direkt pro Gerät zu sehen, statt ihn erst aus dem Gesamt-Hausverbrauch ableiten zu müssen.
Von mir verwendet: SwitchBot Plug Mini mit Leistungsmessung bei Amazon ansehen*
Home Assistant selbst läuft bei mir auf einem Raspberry Pi 4. Da dabei ständig Energie-, Leistungs- und Verlaufsdaten geschrieben werden, nutze ich zusätzlich eine externe SSD statt einer dauerhaft beschriebenen microSD-Karte.
Meine Home-Assistant-Hardware: Raspberry Pi 4* · externe SSD*
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Was ich bei der realen Leistungsmessung in Home Assistant gelernt habe
- Ein Saldo-Wert reicht für ernsthaftes Lastmanagement nicht. Erst die Trennung der Energieflüsse macht Automationen robust gegenüber fremden Verbrauchern im Haus.
- Plausibilität vor Komplexität. Der „Hausverbrauch heute“-Sensor (Netzbezug + PV-Erzeugung − Einspeisung − Akku-Ladung + Akku-Entladung) läuft bei mir dauerhaft als Cross-Check mit – zeigt er unrealistische Sprünge, stimmt meist ein Teilwert nicht.
- Glätten kostet wenig, bringt aber viel. Ein einfacher gleitender Durchschnitt über wenige Sekunden reduziert unnötige Schaltvorgänge spürbar.
- Nicht jeder Verbraucher braucht einen eigenen Sensor. Kleine, unregelmäßige Verbraucher lässt man bewusst im „Rest“ – der Aufwand für eine separate Messung lohnt sich nur bei Großverbrauchern.
Wie es weitergeht
Im nächsten Artikel geht es um den PV-Speicher als weiteren Baustein: Wie sich der Akku sauber in die bestehende Prioritätskette einordnet, ohne dass er anderen Verbrauchern den Überschuss streitig macht.
Misst du bei dir bereits einzelne Verbraucher separat, oder verlässt du dich bisher auf den Netzbezug als einzigen Trigger? Ich bin gespannt, wie andere das lösen!