Wenn du erstmal nur einen Verbraucher per PV-Überschuss steuerst, ist die Automation einfach: Überschuss da? Verbraucher an. Überschuss weg? Verbraucher aus. Sobald aber ein zweiter, dritter oder vierter Verbraucher dazukommt – Warmwasser, Heizung, Heizstab, vielleicht später Pool oder Wallbox – reicht dieses simple Muster nicht mehr aus. Alle Automationen reagieren auf denselben Einspeiseleistungs-Sensor, und plötzlich konkurrieren sie um denselben Überschuss. Genau dann wird es nötig, mehrere Verbraucher zu priorisieren, statt sie unabhängig voneinander laufen zu lassen.
In diesem Artikel zeige ich, wie ich dieses Problem in meinem eigenen Setup gelöst habe, an einem konkreten Fall: dem Konflikt zwischen meiner Warmwasser-Boost-Automation und der Heizungs-Vorlauf-Offset-Automation.
Das Problem: zwei Automationen, ein Sensor
Ich habe zwei PV-Überschuss-Automationen, die beide auf denselben Leistungssensor triggern:
- Warmwasser-Boost per SG-Ready: schaltet bei Überschuss den Smart-Grid-Modus der Wärmepumpe ein, um den Warmwasserspeicher zu laden.
- Heizung PV-Überschuss – Vorlauf-Offset erhöhen: erhöht bei Überschuss den
climate-Offset der Wärmepumpe, um mehr Heizenergie in den Vorlauf zu geben.
Beide Automationen prüfen unabhängig voneinander denselben Trigger (Einspeiseleistung über einem Schwellenwert für eine bestimmte Dauer) und unabhängig voneinander ihre eigenen Zusatzbedingungen (Akkustand, Solcast-Prognosebestätigung, Betriebsmodus der Wärmepumpe). Ohne weitere Abstimmung können beide gleichzeitig auslösen – und die Wärmepumpe bekommt zwei widersprüchliche Anweisungen für denselben PV-Überschuss, der aber nur einmal zur Verfügung steht.
Den SG-Ready-Eingang für meinen Warmwasser-Boost schalte ich in meinem Setup über einen Shelly. Home Assistant setzt damit nicht direkt irgendeinen abstrakten Softwarestatus, sondern schaltet tatsächlich den entsprechenden Eingang der Wärmepumpe.
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Mehrere Verbraucher priorisieren: eine Automation bekommt Vorrang
Statt eine komplizierte zentrale Verteillogik zu bauen, habe ich mich für den pragmatischeren Weg entschieden: eine klare Prioritätsregel zwischen den beiden Automationen.
Bei mir hat Warmwasser Vorrang vor Heizung. Die Begründung: Warmwasser ist ein täglicher Grundbedarf, während die Heizungs-Offset-Erhöhung eher eine „Nice-to-have“-Optimierung ist, die auch etwas später oder seltener greifen kann, ohne dass es unangenehm wird.
Technisch heißt das: Die Heizungs-Automation bekommt eine zusätzliche Bedingung, die prüft, ob der Warmwasser-Boost gerade aktiv ist. Nur wenn das nicht der Fall ist, darf sie selbst den Überschuss nutzen.
# Ausschnitt aus der Heizungs-Offset-Automation
condition:
- condition: numeric_state
entity_id: sensor.einspeiseleistung
above: 1500
- condition: numeric_state
entity_id: sensor.akku_soc
above: 75
- condition: state
entity_id: switch.smart_grid_1_2
state: "off" # Warmwasser-Boost darf nicht aktiv sein
# weitere Bedingungen: Solcast-Bestätigung, Heizbetrieb aktiv ...Code-Sprache: PHP (php)
Die entscheidende Zeile ist die Prüfung von switch.smart_grid_1_2. Das ist der Schalter, über den die Warmwasser-Boost-Automation den SG-Ready-Modus aktiviert. Solange er „an“ ist, bleibt die Heizungs-Automation inaktiv – auch wenn ihre eigenen Trigger-Bedingungen erfüllt wären.
Warum diese Lösung und keine zentrale Verteillogik?
Man könnte das Problem auch komplett anders lösen: eine einzige „PV-Verteiler“-Automation, die den gesamten Überschuss zentral auf alle Verbraucher nach Priorität aufteilt – ähnlich einem Lastmanagement-Algorithmus. Das ist die sauberere Lösung auf dem Papier, aber auch deutlich aufwändiger zu bauen und zu warten, vor allem wenn Verbraucher unterschiedliche Reaktionszeiten und Mindestlaufzeiten haben.
Für zwei bis drei Verbraucher reicht die dezentrale Lösung mit gegenseitigen Zustandsprüfungen völlig aus:
- Einfach zu verstehen: Jede Automation bleibt für sich lesbar, die Priorität steckt in einer einzigen zusätzlichen Bedingung.
- Einfach zu erweitern: Ein dritter Verbraucher (z. B. der Heizstab) prüft einfach die Zustände der beiden bereits vorhandenen „höherprioren“ Verbraucher zusätzlich.
- Kein Single Point of Failure: Fällt eine zentrale Verteil-Automation aus, stehen alle Verbraucher still. Bei dezentralen Automationen funktioniert im Zweifel wenigstens die höchstpriorisierte weiter.
Der Nachteil: Bei vielen Verbrauchern (vier, fünf, sechs) wird die Bedingungsliste jeder einzelnen Automation unübersichtlich, weil jede alle „wichtigeren“ Verbraucher einzeln abfragen muss. Für mein aktuelles Setup mit zwei bis drei PV-Verbrauchern ist das aber noch gut wartbar.
Erweiterung auf einen dritten Verbraucher: der Heizstab
Die zweistufige Priorität lässt sich problemlos auf einen dritten Verbraucher ausweiten. Bei mir ist das der Heizstab im Bad – er bekommt die niedrigste Priorität von allen drei PV-Überschuss-Automationen, weil er der am wenigsten zeitkritische Verbraucher ist.
Der 900-W-Heizstab wird bei mir über einen Shelly Plug S Gen3 geschaltet. Die Priorisierung findet dabei vollständig in Home Assistant statt – der Plug setzt am Ende lediglich die Entscheidung der Automation um.
Von mir dafür verwendet: Shelly Plug S Gen3 bei Amazon ansehen*
Die Heizstab-Automation prüft deshalb zusätzlich zu ihren eigenen Bedingungen (Hysterese, Sicherheitsbedingungen) den Zustand beider höher priorisierten Verbraucher:
# Ausschnitt aus der Heizstab-Automation
condition:
- condition: numeric_state
entity_id: sensor.einspeiseleistung
above: 2000
- condition: state
entity_id: switch.smart_grid_1_2
state: "off" # Warmwasser-Boost hat Vorrang
- condition: numeric_state
entity_id: climate.altherma_leaving_water_offset
attribute: offset
below: 1 # Heizungs-Offset ist nicht aktiv erhöht
# weitere Bedingungen: Hysterese, Sicherheitsabschaltung ...Code-Sprache: PHP (php)
Das Muster bleibt also gleich, nur die Kette wird länger: Jeder Verbraucher fragt alle Verbraucher mit höherer Priorität ab, bevor er selbst aktiv wird. Bei drei Verbrauchern ist das noch übersichtlich. Wer absehbar auf vier oder mehr PV-Verbraucher wachsen will (bei mir käme z. B. ein Pool oder eine Wallbox infrage), sollte an dieser Stelle über eine zentrale Verteil-Automation nachdenken – dazu vielleicht in einem eigenen Artikel mehr.
Typische Fallstricke, wenn mehrere Verbraucher priorisiert werden
Ein paar Dinge, die mir bei der Umsetzung aufgefallen sind und die man im Hinterkopf behalten sollte:
- Race Conditions beim gleichzeitigen Trigger: Wenn zwei Automationen im selben Sekundenfenster auf denselben Leistungsanstieg reagieren, kann es kurzzeitig zu einer falschen Reihenfolge kommen, bevor der Zustand der höher priorisierten Automation vollständig gesetzt ist. Ein kleiner Puffer (z. B. eine
for-Bedingung von 1–2 Minuten am Trigger) reduziert dieses Risiko deutlich. - Veraltete Zustände nach einem Neustart: Nach einem Home-Assistant-Neustart können Helper- oder Switch-Zustände kurzzeitig einen falschen Ausgangswert haben, bis die erste reguläre Aktualisierung läuft. Wer darauf empfindlich reagiert, sollte die Prioritätsbedingungen so bauen, dass ein unbekannter/undefinierter Zustand konservativ behandelt wird (also eher „Verbraucher bleibt aus“ als „Verbraucher schaltet versehentlich ein“).
- Prioritätslogik nicht mit Sicherheitsbedingungen vermischen: Die Frage „Darf ich gerade, weil ein anderer Verbraucher Vorrang hat?“ ist etwas anderes als die Frage „Ist es für mich gerade sicher/sinnvoll, einzuschalten?“ (Hysterese, Temperaturgrenzen etc.). Ich halte beide Bedingungsarten bewusst getrennt in der Automation, damit klar bleibt, welche Bedingung wofür da ist, wenn man später etwas debuggen muss.
Testen und nachjustieren
Ob die Prioritätslogik wirklich greift, lässt sich am besten über die Automations-Traces in Home Assistant nachvollziehen (Einstellungen → Automatisierungen → Automation öffnen → „Spuren“/“Traces“). Dort sieht man pro Ausführung genau, welche Bedingung fehlgeschlagen ist – zum Beispiel, dass die Heizungs-Automation korrekt abgebrochen ist, weil switch.smart_grid_1_2 zu dem Zeitpunkt „an“ war. Eine gute Einführung dazu bietet die offizielle Home-Assistant-Doku zum Troubleshooting von Automationen. Wer die Priorisierung neu einbaut, sollte in den ersten Tagen gezielt Situationen abwarten, in denen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt wären, und die Traces prüfen, statt sich nur auf das beobachtete Endverhalten zu verlassen.
Home Assistant selbst läuft bei mir auf einem Raspberry Pi 4. Für solche Priorisierungslogiken braucht es keinen besonders leistungsfähigen Server – entscheidend ist vielmehr, dass die Instanz stabil läuft und die beteiligten Sensoren und Schalter zuverlässig aktualisiert werden.
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Die Prioritätsreihenfolge festlegen
Bevor man die erste Bedingung schreibt, lohnt sich die Frage: Nach welchem Kriterium priorisiere ich überhaupt? Bei mir waren das:
- Wie kritisch ist der Bedarf? Warmwasser täglich benötigt vs. Heizungskomfort, der auch mal ausfallen kann.
- Wie groß ist der Nutzen pro kWh? Manche Verbraucher sparen pro genutzter Überschuss-kWh mehr Geld oder Komfort als andere.
- Wie lange dauert ein sinnvoller Einsatz? Kurze, seltene Bedarfsspitzen (z. B. Heizstab) vs. Verbraucher, die von durchgehendem Überschuss über Stunden profitieren.
Diese Reihenfolge ist bei jedem Haushalt anders – wichtig ist nur, sie einmal bewusst festzulegen, statt sie implizit durch die Reihenfolge entstehen zu lassen, in der man die Automationen historisch angelegt hat.
Fazit: Mehrere Verbraucher priorisieren statt konkurrieren lassen
Sobald mehr als eine PV-Überschuss-Automation auf denselben Einspeiseleistungs-Sensor reagiert, braucht es eine bewusste Prioritätsregel – sonst konkurrieren die Verbraucher unkontrolliert um denselben Überschuss. Der einfachste Weg, um mehrere Verbraucher zu priorisieren, ist keine komplexe zentrale Verteillogik, sondern einfache gegenseitige Zustandsprüfungen: Die niedriger priorisierte Automation prüft per condition, ob die höher priorisierte gerade aktiv ist, und tritt nur an, wenn das nicht der Fall ist. Für zwei bis drei Verbraucher ist das die pragmatischste und wartungsärmste Lösung – bei deutlich mehr Verbrauchern lohnt sich dann der Blick auf eine zentrale Lastverteilung. Einen ersten Überblick über das komplette Setup findest du im Pillar-Artikel zum PV-Lastmanagement.
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